NGZ- Neujahrsblatt Nr. 72, 1870, 23S. 1 Litho
Ein Tropfen Wasser.
Dr. Gustav Schoch
Plankton
German only
Einleitung:
Als am Ende des sechszehnten Jahrhunderts ein holländischer Brillenschleifer, Zacharias Janssen, durch Verbindung mehrerer Glaslinsen das erste zusammengesetzte Microscop construirte, hatte man noch keine Ahnung davon, dass dadurch der erste Schritt zu einer der folgereichsten und nutzbarsten Erfindungen gemacht worden sei. Während vollen zweihundert Jahren diente das Instrument der Laune Weniger als kostbares Spielzeug und meist nur zur Befriedigung einer momentanen Neugierde, so dass sein Erfinder gänzlich in Vergessenheit gerathen konnte; und noch in den ersten Decennien unseres Jahrhunderts, nachdem durch vielfache Verbesserungen die Leistungsfähigkeit des Instruments erhöht wurde, wiesen viele namhafte Gelehrte den Gebrauch desselben zurück, und verschmähten es oft, die davon gezogenen wissenschaftlichen Resultate anzunehmen. Erst der neusten Zeit blieb es vorbehalten, das Microscop so vollkommen darzustellen, dass sich jetzt schon kein Zweig exacter Wissenschaften mehr seinem massgebenden Einfluss entziehen kann, und der weltbezwingenden Industrie bleibt es zur nächsten Aufgabe überbunden, durch Billigkeit und practische Einrichtung unser Instrument so in das Volksleben einzuführen, dass kein Gewerbetreibender mehr dieser Hülfe entbehren kann, kein irgend wie Gebildeter dies Bildungsmittel vermissen mag. Natürlich muss auch hier dem Zufall sein launiges Spiel eingeräumt werden. Diese oder jene Epoche machende Entdeckung durch das Microscop, deren practischer Nutzen Jedermann einleuchtet, wird mehr für die Verallgemeinerung des Instrumentes wirken als alle Declamationen populärer Schilderungen; hat doch in neuester Zeit ein winziges Thierchen, die Trichine, das uns auf unheimlichem Wege bedrohte, der allgemeinem Verbreitung des Microscopes den grössten Vorschub geleistet.
Mehr Schwierigkeiten, als die Handhabung des Instrumentes selbst, bereitet uns das wirre Chaos von Thier- und Pflanzenformen, dem wir bei der ersten Anwendung des Microscopes begegnen. Es ist eine so fremdartige und mannigfaltige Welt, die uns hier entgegentritt, dass wir meist davon zurückschrecken, uns darin zurecht zu finden und die einzelnen Wesen genauer ins Auge zu fassen. Es darf daher gewiss gerechtfertigt scheinen, wenn wir hier versuchen, einen orientirenden Blick in die microscopische Thierwelt zu werfen, um wenigstens in groben Zügen einige Hauptformen zu skizziren, die wir in jedem Tropfen Sumpfwasser wieder treffen, um die Lebenserscheinungen und Lebensbedingungen jener Organismen zu überblicken, welche schliesslich die indirecten Vermittler zwischen den höhern Thieren und der zerfallenden Pflanzenwelt darstellen.

Cilliat, Rotator
Zu diesem Zwecke haben wir ein Potpourri von niedern Thieren, wie sie unsere Bäche, Sümpfe und Seen beleben, auf der beigegebenen Tafel zusammengestellt, obwohl natürlich nicht gerade alle diese Formen sich gemeinsam in ein und demselben Tropfen so vereinigt finden, wie sie das Bild vorführt. Auch liegt es in der Natur des Gegenstandes, dass nicht für alle gezeichneten Thiere dieselbe Vergrösserung angewandt wurde, sonst hätten wir ein Blatt, wie eine Hausfassade gebraucht, um die hier skizzirten Thiere hineinzuzeichnen. Der geneigte Leser muss sich aus der Beschreibung einen ungefähren Begriff der wirklichen Grösse der einzelnen Geschöpfe machen. Auf dem Bilde befinden sich Repräsentanten aus allen Ordnungen der Urthiere, der Strahlthiere, der Molluscoiden und der Räderthiere, so weit sie in unsern Gewässern vorkommen, auf die Darstellung der microscopischen Würmer und der Gliederthiere mussten wir wegen der Beschränkung des Raumes gänzlich verzichten. Und nun wollen wir uns diese merkwürdigen Wesen etwas näher ansehen, und beiläufig ihrer Verwandten des süssen und Meereswassers gedenken.

Fig 6. Monas. Die Monaden, deren Grösse oft unter 1/1000 stel einer Linie hinuntersinkt, bestehen aus einem kleinen Bläschen, das vermittelst eines (oder mehrerer) langen, peitschenartig schwingenden Haares sich im Wasser herumtreibt. Sie haben eine resistente, deutliche Hautdecke, bilden also nicht blos einen nackten Sarcodeklumpen, obgleich die structurlose, dünne Oberhaut bei vielen Formen äusserst dehnbar ist, und von dem Körperinhalt, der Sarcode, vielfach zu Formveränderungen veranlasst wird. Bei andern Formen hingegen (Thecamonas) ist die Hülle ziemlich resistent, und solche stellen daher formbeständige Thierchen dar. Bei wenigen grössern Formen hat man in der Nähe des Ansatzes des Geisselhaares eine feine Mundöffnung gefunden, wodurch feste Bestandtheile als Nahrung können aufgenommen werden. Die meisten entziehen sich durch ihre ausserordentliche Kleinheit einer genauem Betrachtung, da sie bei mittelstarker Vergrösserung nur als winzige schwimmende Kügelchen erscheinen, bei vielen andern grössern aber, die sogleich durch ihre schön grüne Färbung auffallen, hat man noch nie eine Mundöffnung und in ihrem Innern noch nie fremde Bestandtheile gefunden. Die Monaden bilden die unterste Gruppe der sogen. Infusionsthierchen und zeigen sich in allen Aufgüssen organischer Substanzen massenhaft, kommen aber auch in jedem stehenden Gewässer vor.
Da eine ganze Menge niederer Pflanzen monadenartige Bläschen mit Geisselhaaren erzeugen, welche Bläschen fast ganz analoge Bewegungserscheinungen zeigen, wie die Monaden, so dürfte es zur Zeit noch nicht möglich sein, diese sogen. Schwärmsporen sicher von den wirklich thierischen Monaden zu trennen und wir können vorläufig diejenigen Monaden als thierische Organismen beanspruchen, bei denen man eine contractile Blase mit rhythmischen Bewegungen auffinden kann. Den definitiven Entscheid hierüber kann uns erst eine genaue Verfolgung ihrer Entwicklungsgeschichte bieten, die sehr eigenthümliche Verhältnisse zeigt, aber noch viel zu wenig studirt worden ist, um bestimmte Resultate zu erzielen.
Wir nehmen daher hier ganz Umgang von derselben und erwähnen nur in Kürze einige der häufigsten Formen Geisselhaare tragender Infusorien. (Flagellata.)
Fig. 9. Euglena. Dies Thierchen ist dem vorigen in Farbe und Grösse ähnlich, aber seine Haut ist nicht steif, sondern äusserst dehnbar, so dass seine Körperform fast beständig wechselt. In Sümpfen kommt es oft so massenhaft vor, dass das Wasser stellenweise grün gefärbt erscheint. Alle diese Geisselinfusorien haben eine oder zwei contractile Blasen.


Fig. 10. Peridinium Den Uebergang zu den bewimperten, ächten Infusorien bildet eine Gruppe hartschaliger Thierchen, die vermittelst eines oder zweier Peitschenhaare (Flagella) herumschwimmen, daneben aber noch eine Spirale von kurzen, feinen, stets wimpernden Härchen (Cilien) um die Mitte ihres Leibes tragen, daher Cilio-flagellata genannt werden. Der harte Panzer widersteht der Verwesung, so dass dies die einzigen Infusorien sind, die uns als Versteinerungen aus frühern Erdperioden die Existenz dieser Thierklasse melden, während wir aus den früher erwähnten Urthierklassen, den Foraminiferen, Radiolarien und Schwämmen eine reiche fossile Fauna besitzen. Eine breitere Furche theilt den Panzer der Peridinien (oder Cilio-Flagellaten) in zwei Theile und an dieser Stelle sitzen an der feinen Oberhaut des Thierchens jene feinen Wimperhaare. Bisher hat man noch keinen Mund und noch nie fremde Körper im Innern der Peridinien gefunden, ebenso fehlt die contractile Blase und ist die Lebensweise dieser Geschöpfe noch sehr dunkel.

Fig. 13 Stentor

Fig. 14. Stylonychia,  1/10 "' (ca. 150 mm), repräsentirt uns eine Ordnung von Infusorien, die nur auf ihrer Bauchseite mit Wimpern oder hier gröbern Borsten und Stacheln bekleidet ist, während der Rücken nackt erscheint (Hypotricha). Diese Thiere stelzen auf ihren Borsten, wie auf Füssen, an Wasserpflanzen herum, sind daneben aber auch heftige Schwimmer und erhaschen mit ihrem grossen Maul manch kleines lnfusorium. Der gefrässige Mund liegt an der Bauchseite im Winkel der stark bewimperten, dreieckigen Grube. In seiner Nähe liegt eine contractile Blase und zwei ovale, dunkle Kerne.

Fig. 18. Rotifer. Mit dieser Figur werden wir in einen neuen Thierkreis, in den der Würmer, versetzt, und zwar stellt sie einen Repräsentanten der Räderthierchen dar, die eine eigenthümliche, scharf begrenzte Klasse der Würmer bilden. Die Räderthiere stimmen in Grösse und Wohnsitz vollkommen mit den Infusorien überein, so dass man die einen selten ohne die Gesellschaft der andern trifft. Sie beleben in zahlreichen Arten unsere Bäche, Seen und Sümpfe; ihre Grösse schwankt etwa zwischen 1/60 "'- 1"', sie sind also immerhin microscopische Objecte. Aber ihre Organisation ist eine viel höhere: sie zeigen einen wohlausgebildeten Verdauungskanal, einen Athmungsapparat, einen Nervenapparat mit deutlichen Sinnesorganen, und die äussere Körperform hat oft viel Aehnlichkeit mit Gliederthieren, wesshalb sie von einzelnen Forschern zu den niedern Krebsen gezählt wurden. Den Namen haben sie von dem sogen. Räderorgan, d.h. von einem Kranze kräftiger Wimperhaare, welche auf Lappen den Vorderrand des Kopfes bekleiden und durch ihr Spiel den Anblick erzeugen, als würde sich ein Rad rasch unter unsern Augen im Kreise drehen, und als sähen wir dessen Speichen schnell rotiren. Diese Erscheinung gehört mit zu dem zierlichsten, was wir unter dem Microscope beobachten können. Versuchen wir es an dem Rüsselrädchen (Rotifer) die Organisation dieser Thiere zu studiren. Das Kopfende ist in zwei mit starken Wimpern besetzten Lappen ausgezogen, vermittelst welcher das etwa 1/3 - 1/4 "' lange Thier rasch schwimmt, oder, wenn es sich mit dem Schwanze festgesetzt hat, in seiner Umgebung einen starken Strudel erzeugt und Nahrungstheile herbeiwirbelt. Nach vorn geht ein Rüsselchen mit zwei schön rothen Augenpuncten ab und hinter dem Kopfe eine Art Fühler, an dessen Spitze feine, steife Borsten stehen. Es ist dies Gebilde ein Tentakel, eine Art Tastorgan, in welches hinein Nervenfasern von dem im Kopf sitzenden Gehirnknoten treten. Hinter dem Kopf erstreckt sich der cylindrische schlauchförmige Leib mit zarter, durchsichtiger Wandung, in dem die Eingeweide frei aufgehängt sind, und dessen Seiten von zahlreichen Längs- und Quermuskelfasern durchzogen werden. Vermittelst dieser Musculatur kann sich das Thier bald kugelig zusammenziehen, bald wieder röhrenförmig ausstrecken. An den kolbigen Leib schliesst sich ein segmentirter Schwanz, in den keine Eingeweide mehr eintreten, dessen Theile sich aber ineinander einschachteln können, wie die Theile eines Fernrohres. Es wird durch zwei krumme Häcklein beendigt, womit sich das Thier an Wasserpflanzen festsetzen kann. Das Rüsselrädchen sitzt also bald fest, bald schwimmt es rasch durch das Wasser, oft aber kriecht es, ähnlich den Spannerraupen, herum, indem es sich bei eingeklapptem Räderorgan abwechselnd mit dem Rüsselchen und dem Schwanzende festhält. Wir nennen solche Räderthiere kriechende, und sie bilden eine eigene Familie, die sich durch den segmentirten, einschiebbaren Schwanz und die krummen Endhacken am Leibesende characterisiren. - Im innern sehen wir nach dem weiten Mundtrichter oder Vormagen einen muskulösen kugeligen Kaumagen, in dem zwei halbscheibenförmige Stücke beständig gegen einander wirken und die dazwischenkommenden Nahrungstheilchen zerdrücken. Diese zwei Kieferstücke aus Chitin zeigen bei den verschiedenen Räderthierarten sehr mannigfaltige Bildungen. Bald sind es solche halbrunde Platten mit queren Leisten oder Zähnen, bald sind es einfache, oft vorstreckbare, scharfe Greifzangen, bald bilden sie zusammengesetzte Gebilde, deren Zacken geweihartig oder wie Hände ineinandergreifen. Von den muskulösen Kaumagen führt eine kurze Speiseröhre in den langen und stets mit Nahrung gefüllten Darm, der, nach hinten sich verdünnend, am Schwanzansatze in den After endet. Der Darm ist inwendig mit wimpernden Cilien besetzt, die den Speisebrei in steter Rotation erhalten, und an seinem obern Ende liegen zwei drüsige, helle Anhängsel, wie Flügel, an denen der ganze Verdauungsapparat vermittelst starker Muskeln frei in der Leibeshöhle aufgehängt ist. Die Räderthierchen nähren sich von Infusorien, kleinen Algen und verwesenden organischen Theilen. - Ein ferneres Organ, das in der Zeichnung wenigstens angedeutet ist, dient zur Athmung, d. h. zur Aufnahme des im Wasser absorbirten Sauerstoffes. Es besteht aus einer muskulösen, sich periodisch zusammenziehenden Blase, die ihren Wassergehalt etwa alle 1/4 Minuten in der Gegend des Afters nach Aussen entleert. Von dieser Blase gehen beiderseits zwei lange, oft gewundene Schläuche durch den ganzen Leib bis gegen den Kopf hin und endigen mit mehrern freien Mündungen in der allgemeinen Leibeshöhle; dort entziehen sie durch kleine Wimperläppchen dem Körper das aufgesogene Wasser, treiben es in die Blase, welche dasselbe, nachdem es verbraucht ist, wieder nach Aussen abgiebt. Schliesslich bemerkt man neben dem Magen noch ein grosses drüsiges Organ, den Eierstock, in dem gewöhnlich mehrere Eier deutlich erkennbar liegen.
Unsere Räderthiere haben zweierlei Eier, die man Sommereier und Wintereier genannt hat. Die ersteren sind klein, dünnwandig, oft in grösserer Anzahl vorhanden, und bei einigen kriecht schon im Eileiter ein Embryo heraus, also sind diese Arten lebendig gebährend. Will durch grosse Hitze das Wasser eintrocknen, oder gefriert es im Winter, so beobachtet man die Bildung der zweiten Art Eier. Gewöhnlich bilden sich nur ein oder zwei Wintereier, die viel grösser sind, eine dicke Wandung haben und jeder Vertrocknung widerstehen, während die Thiere selbst im Winter zu Grunde gehen. Der Rotifer, welcher uns hier als Paradigma dient, ist eines der längst bekannten und am weitest verbreiteten microscopischen Thiere, und hat vor langem schon ein allgemeines Interesse erregt, weil das Thierchen vollständig eintrocknen, Jahre lang in diesem scheintodten Zustand verharren kann, und nach Benetzung wieder zu neuem Leben erwacht.

(Anmerkung: Die Nürnberger-Linie, in Zürich gebräuchlich, entspricht ca. 2.11 mm; die Berner Linie: 2.037mm und die Pariser Linie: 32.48/144 cm. Alles vom Fuss/Schuh abgeleitete Masse.
Diese Arbeit entspricht dem Wissen und dem Sprachgebrauch von 1870. Inzwischen wurde viel Neues über diese Lebewesen erforscht. Einzelne Arten haben auch den Namen gewechselt. Ich vermute, dass sich unter den "Monas" mit weniger als als 2Ám Durchmesser, "Pseudomonaden" (d.h. Bakterien) und auch Cyanobakterien verbergen.)
Dr. med. Gustav Schoch (1833-1899) Arzt, Entomologe, Prof. für Naturkunde an der Industrieschule ab 1878.

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