Neujahrsblatt der NGZH Nr. 134 auf das Jahr 1932.  23S. mit 4Tafeln (Format des Hefts: 21 x 29 cm)
Durch die Libysche Wüste zur Amonsoase.
von M. Rikli (Zürich).

Neujahrsblatt

herausgegeben von der

Naturforschenden Gesellschaft in Zürich
auf das Jahr 1932.
134. Stück.

Durch die Libysche Wüste 
zur Amonsoase.
von 
M. Rikli (Zürich).

Mit vier Tafeln.
 
 
 
 

Gebr. Fretz A.G., Zürich

 

German only Siwah N28°58', E25°52'
Inhalt: 
Einleitung 3
I Das Küstengebiet 4
II. Die Wüste 10
III Die Oase 14
March 30th, 1927 Wadi Farigh, Ford + Ansaldo; Pict. Dr.W.Geilinger, Zurich
March, 30th. 1927, at Wadi Farigh,  N of Bir-Khalda.  SE Mersa-Matruh

S. 3-5, 14-15, 22-23
Die zuerst durch den denkwürdigen Zug Alexander des Grossen 1) allgemein bekannt gewordene Oase Siwa liegt in Luftlinie etwa 500 km südwestlich von Alexandrien Noch vor wenigen Jahren konnte sie nur auf Kamelen, in etwa dreiwöchiger beschwerlicher Reise erreicht werden. Bei Gelegenheit meiner ersten Fahrt nach Ägypten wollte mich unser Landsmann Dr. H. R. Maurer im Frühjahr 1925 veranlassen, der Oase in Automobilen einen Besuch abzustatten. Damals erschien mir das Unternehmen zu gewagt. Inzwischen hatte Dr. Maurer im April 1925 und wiederum im Frühjahr 1926 mit einer Gruppe jüngerer Mitglieder der Schweizerkolonie in Alexandrien zweimal die Reise hin und zurück ausgeführt. Im Jahre 1925 hatte man sich allerdings in der Wüste verirrt. Erst nach 24 Stunden konnte man sich wiederum zurechtfinden, nachdem wegen ungenügendem Wasservorrat die Lage bereits recht ungemütlich geworden war. Immerhin war damit die Durchführbarkeit einer Reise nach der Oase Siwa in Autos erwiesen. So entschlossen wir uns, für das Frühjahr 1927 eine achttägige Exkursion nach der Amonsoase auf das Programm der zweiten Ägyptenreise zu nehmen.
Eine Expedition nach Siwa erfordert allerlei Vorbereitungen. Dr. H. Maurer hatte die Freundlichkeit, die Hauptarbeit auf sich zu nehmen. Zunächst ist zu sagen, dass Mareotis und Marmarica, d.h. die Länder zwischen dem Westrande des Nildeltas und der Cyrenaika, militärisches Gebiet sind, in das man nur mit Erlaubnis der ägyptischen Regierung gelangen kann. Die Konzession, in diesen Steppen- und Wüstengebieten Reisen zu organisieren und durchzuführen, ist von den Behörden dem englischen Kapitän G. M. Hillier übertragen worden. Wir setzten uns daher sofort mit ihm in Verbindung.
Unser Führer war ein hochgewachsener, sehniger, wetterharter Mann in den besten Jahren. Wir lernten ihn als vollendeten Gentleman kennen, der keine Arbeit und Mühe scheute, der immer der erste und letzte war und überall selbst Hand anlegte. Die Eingeborenen, sowohl die Beduinen wie die Siwi, behandelte er als seinesgleichen, ohne sich dabei selbst etwas zu vergeben. In allen Lagen bewahrte er sich seine unvergleichliche Ruhe. Eher wortkarg, auch seine Befehle waren kurz und klar, aber bestimmt. Da gab es kein langes Hin und Her. Mit der Wüste vollständig vertraut, zeichnete er sich durch einen geradezu wunderbaren Ortssinn aus. Als Führer der Autokolonne hat er kaum je gezaudert. Auch wenn die Wegspur ganz verloren gegangen und in der einförmigen Landschaft weder ein Orientierungspunkt noch Alâme, d.h. von den Beduinen errichtete Merksteine, zu sehen waren, ist er mit grosser Sicherheit weiter gefahren und hat immer wieder den richtigen Punkt gefunden. Seine Person kam immer zuletzt. Alle mussten gegessen haben, bis er selbst an die Reihe kam. Und wenn wir von den langen Fahrten und all den auf uns einstürmenden Eindrücken ermüdet der Ruhe pflegten oder dem tiefen Schlaf verfallen waren, da war er sicher noch an der Arbeit, gelegentlich bis in den frühen Morgen hinein - bei der Revision der Autos, den Vorbereitungen für den folgenden Tag, mit der Verteilung des Proviantes, oder er hatte mit den Chauffeurs und Mechanikern zu verhandeln. Einer solchen glänzenden Führernatur wird jedermann volle Bewunderung und rückhaltlose Anerkennung zollen.
Leider war es nicht möglich, für die Siwatour allen Anfragen zu entsprechen. Obwohl eigentlich eine möglichst grosse Zahl von Teilnehmern in seinem Interesse gewesen wäre, willigte Capt. Hillier nur ungern ein, die Höchstzahl auf fünfzehn festzusetzen. Unter den Teilnehmern befanden sich auch zwei Damen. Zu unserer grossen Freude schloss sich uns auch noch Dr. H. R. Maurer an.
1) Der Alexanderzug erfolgte im Spätherbst 332 v.Chr. durch den damals erst 24jährigen Alexander ( 323 v. Chr.).

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Nur zu bald musste ich mich davon überzeugen, dass unser Führer im Recht war, denn mit mehr als acht Automobilen hätte es zuviel Aufenthalte gegeben, so dass dadurch die programmmässige Zurücklegung der einzelnen Tagesabschnitte wohl unmöglich geworden wäre. Schon die acht Autos waren eher zuviel. Wiederholt haben wir erst lang nach Sonnenuntergang das gesteckte Tagesziel erreicht. Wegen der Gefahr der Verirrung musste man immer zusammenbleiben. Durch mögliche Pannen und damit verbundenem Zeitverlust wachsen mit jedem Wagen die Schwierigkeiten.
Unsere Autos waren vierplätzige Ford und italienische Ansaldos. Sie haben sich recht gut bewährt. Der Schlusswagen hatte auf einer langen Stange ein rotes Tuch gehisst; so konnte der Führer immer feststellen, ob die ganze Kolonne beieinander war. Neben sechs Personen- führten wir zwei Lastautos mit Gepäck, Proviant; selbst das Wasser für 24 Personen musste mitgenommen werden, ferner viele grosse Blechflaschen mit Benzin und Öl, sowie die notwendigen Ersatzteile für Autos und Werkzeuge zu Reparaturzwecken.
Die von den Autos auf der Hin- und Rückreise nach Siwa zurückgelegte Strecke betrug gegen 1400 km, nämlich:
A. Auf der Hinreise.
a) Alexandrien-Mersa-Matruh   ca. 330 km
b) Mersa Matruh bis zum Camp südlich Gur el Leben der Alexanderroute 225 km
c) Camp bis Siwa 145 km
Summe Dreitägige Hinreise 700 km
B. Auf der Rückreise.
a) Siwa-Mersa Matruh auf der Istablroute 340 km
b) Mersa-Matruh bis Alexandrien 330 km
Summe Zweitägige Rückreise 670 km
Das bereiste Gebiet gliedert sich in drei Abschnitte.
 

I. Das Küstengebiet.
Das Küstengebiet umfasst die Steppenländer westlich von Alexandrien bis Mersa Matruh1 eine Entfernung, die nahezu der Strecke Genf-Romanshorn (357 km) entspricht. In langer Fahrt geht es zuerst durch die westlichen Vorstädte Alexandriens, vorbei an mächtigen Lagerhäusern für Baumwolle, dem Hauptreichtum Ägyptens, vorbei an kleinen Budiken, stattlichen Villen, prunkvollen Gärten; über Kanäle, vollgestopft von ägyptischen Barken, weiter durch ein mittelalterliches Tor mit Fallbrücke, umgeben von zerfallenen, alten Befestigungsanlagen bis nach Mex, dem Endpunkt der Strassenbahn, berühmt durch seine Kalksteinbrüche, die seit undenklichen Zeiten das Hauptbaumaterial für Alexandrien geliefert haben. Zur Rechten verraten ein Leuchtturm, Semaphoren und andere Seezeichen die Nähe des Mittelmeeres. Und wirklich huscht hin und wieder der Ausschnitt einer tiefblauen Bucht, von Seglern belebt, eine kleine Insel mit schneeweissem Marabut an uns vorüber. Weit verfolgt das Auge das weisse Band der Brandungszone. Jetzt endlich liegt die Großstadt hinter uns und damit auch die gute Autostrasse.
Ein kleiner Anstieg mit Einschnitt in das niedere Küstengebirge eröffnet uns nach S. plötzlich den Blick auf den Mareutsee und die Hattje 2), ein unabsehbares, flachwelliges Steppenland, das allmählich ansteigend in der Ferne in die eigentliche Wüste übergeht. Atif dem grössten Teil des weiten Weges wird der Ausblick auf das Meer durch einige der Küste parallel verlaufende, niedere Hügelzüge verdeckt. Vor ihnen verläuft eine Depression, die durch Seen und Lagunen bezeichnet ist und z. T. einige Meter unter Meeresspiegel liegt.
2) Unter Hattje versteht der Beduine Land mit reichlicherem Pflanzenwuchs für Kamelweide. Die grosse Hattje ist das Küstengebiet. Aber auch in der eigentlichen Wüste gibt es, besonders in feuchten Jahren, Hattjen, d.h. Strecken mit Weidegründen für Esel und Kamele.
In das Land der nomadisierenden Auladali-Beduinen führt durch den seichten See ein 4,5 km langer, schmaler Damm. Er trägt auch das Geleise der khedivschen Küstenbahn, die jetzt schauderhaft holperige Strasse und die Telegraphenlinie zu den letzten Militärposten. Ein Wüstentor, das Bab el Mariut, dessen Durchgang mit einer schweren eisernen Kette versperrt ist, verwehrt den Eintritt in die Wüste. Der Militärposten besichtigt die Pässe, lässt sich den amtlichen Erlaubnisschein zum Eintritt in die Mareotis und Marmarica vorweisen und notiert die Nummern der Autos. Erst nach Erfüllung dieser Formalitäten können wir weiter.  Diese Kontrolle wiederholt sich am gleichen Vormittag noch zweimal: in Borg el - Arab, dem etwa 50 km weiter im W. gelegenen Sitz der Militärbehörden des Bezirks und in Daba (165 km), wo auf der Rückreise ein Auto sich in voller Fahrt überschlug, ohne dass die Insassen ernstlich verletzt worden wären.
Die Mareotis hatte ich bereits in den ersten Märztagen 1925 nach einer Zeit ausgiebigen Regens auf einer Autotour nach der Menasstadt, zu der uns die Schweizerkolonie in Alexandrien eingeladen hatte, kennen gelernt. Damals glich sie einem Garten in voller Blütenpracht, -- ein herrlicher, unvergesslicher Anblick. Ranunculus asiaticus L., in drei Farbenvarietäten, zeichnete grosse, rote, gelbe, weisse Flecken von seltener Intensität; daneben sah man in Massen das zarte Violett der ebenfalls sehr grossblütigen Anemone coronaria L., das tiefe Blau von Echium sericeum Vahl. In allen Abstufungen wurde das Gelb besonders durch einige Kompositen, wie Chrysanthemum coronarium L., Achillea santolina L., Senecio coronopifolius L. oder durch die Leguminose Hippocrepis bicontorta Lois. mit ihren eigentümlich langgehörnten Früchten, vertreten. Matthiola humilis DC. malte violette Teppiche. Die weissen Sterne einer Ornithogalum (O. tenuifolium Guss. v. trichophyllum Boiss. begleiten hauptsächlich den Rand der Feldwege. In grosser Zahl besiedelte offene Stellen die gelb- und blaublütige Linaria Haelava Chav., leicht kenntlich an dem langen, auffallend dünnen Sporn.  An ähnlichen Stellen fand sich auch ein Blutstropfen (Adonis microcarpa DC.) oder Scorzonera alexandrina Boiss. mit dem am Boden angepressten rötlich-violetten Blütenkopf. Stark bewehrt ist die klebrige Zygophyllacee Fagonia glutinosa Dc. Dies nur einige der häufigsten Arten.
Heute gewährt das Pllanzenkleid nicht dieses farbenprächtige Bild, denn es ist bereits Ende März und die Regen sind nicht so ausgiebig gefallen wie vor zwei Jahren. Es blüht zwar noch allerlei, doch die Hauptblütezeit ist vorüber.  Wir begnügen uns daher mit einer kurzen Schilderung des allgemeinen Landschafts- und Vegetationscharakters unter Angabe der wichtigsten Leitpflanzen.
Zunächst fällt das nahezu völlige Fehlen von Baumwuchs auf. Die wenigen Bäume sind zudem fast ausnahmslos angepflanzt und müssen wenigstens zeitweise bewässert werden. Sie sind auf die allernächste Umgebung der weit auseinander liegenden kleinen, ständigen Niederlassungen beschränkt. Sehr selten, und auch dann nur ganz vereinzelt, stösst man auf wilde 5-8 m hohe Tamariskenbäume und dies nur in grösseren Talrinnen, die gelegentlich wohl etwas Wasser führen werden.
Für das Vegetationsbild der nördlichen Mareotis und Marmarica massgebend ist der 30 cm bis halbmannshohe, xerophytisch ausgebildete Kleinstrauch, der in mehr oder weniger weitgehend aufgelöster Formation Meile um Meile beherrscht. Die Entfernung der einzelnen Büschel hängt wesentlich von der Beschaffenheit der Unterlage und von der Bodenfeuchtigkeit ab. Auch in dieser Hinsicht bleiben sich die Verhältnisse auf weite Strecken jeweilen ziemlich gleich. Vorherrschend ist steinig - kiesiger Boden, der zuweilen feinkörniger wird. Dieser Gruss- und mehr oder weniger grobe Sandboden wird vom Winde ausgeblasen.  So entstehen, besonders in mehr ebenem Gelände, feinsandige Flächen, auf denen jede Pflanze mit starkem Wurzelwerk tief verankert ist und durch ihr dichtes, derbes Astwerk zur Ansammlung von Flugsand Veranlassung gibt. Auf diese Weise werden in grosser Zahl kleine Primärdünen gebildet, jede gekrönt von einem Kleinstrauch, der in beständiger Gefahr steht, vom Sande lebendig begraben zu werden. Aber immer wieder gelingt es Ersatztrieben, den Triumph des Lebens über die tote Natur zu verkünden. Der zuerst unbedeutende Sandhaufen kann so zu einem grösseren Hügelchen heranwachsen, gekrönt von einem oder mehreren Pflanzenindividuen, beziehungsweise von verschiedenen Arten, die mit ihm
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wir einem sehr eigenartigen kleinen Zeugenberg von nur etwa 15 m Höhe. Er hat die Form einer auf einer Säule liegenden Tischplatte. Sodann geht es nochmals über einen halbinselartig in die Wüste vorragenden Teil der Libyschen Platte (Djebel Temire). Es folgt eine Strecke von über 30 km typische Serirwüste in ihrer trostlosesten Ausbildung. Wir kreuzen die Telegraphenlinie nach Siwa, sie hat nur einen Draht zur Verfügung. Bald darauf umfliegt uns eine einzelne Schwalbe. Woher mag sie kommen, was gibt ihr den Mut, in diese Einöde einzudringen?
Jetzt geht es wiederum in die Tiefe. Eine weit ins Gebirge eingebrochene Senke (Wadi Um-el Hawei mil) liegt vor uns. Sie muss durchquert werden; es sind gegen 40 km. Als Wegmarke erscheint am Horizont wie ein Kap an einer Steilküste der Um-el-Hiyus (Mulhejùs), dahinter liegt Siwa, unser Ziel. Doch es ist noch weit. In einer gewaltigen Felswand aus Muschelkalk fällt der Berg zur Depression ab. Wir sehen ihn immer vor uns, er will nicht näher kommen. Wegen des geringen Wasserdampfgehaltes der Atmosphäre ist, wenn sich nach einer Reihe windstiller Tage der feine Sand gesetzt hat, die Luft ausserordentlich klar, sodass man sich in der Abschätzung der Entfernungen immer wieder täuscht. Infolge ihres hohen Ozongehaltes wirkt die Luft stärkend und auf die Nerven belebend (Steinsdorff). Am Horizont tauchen wiederholt hohe Sanddünen (Grart) auf. Die Sand-wüste nähert sich uns, so dass wir genötigt sind, ihr auszuweichen. Da stehen auf Vorposten knorrige Tamarisken, oft mehr tot als lebend. Sie fangen den Sand auf, häufen ihn zu kleinen Hügeln, deren jeder ein in Sand mehr oder weniger begrabener Baumveteran krönt. Es ist ein Wunder, wie er hat Fuss fassen können. Sein Leben war ein einziges Epos voll Drangsal, Not und Entbehrung. Weit im Süden heben sich silhouettenartig die Palmen der Oase Zeitun am flammenden Abendhimmel ab.
Die Sonne steht schon tief am Horizont, als wir endlich den Fuss des Um-el-Hiyus erreichen. WSW sieht man nun das grüne Band des Palmenwaldes von Siwa. Aus üppigem Grün ragen zwei pyramidenförmige Zeugenberge empor. Es sind die Burghügel von Siwa und Aghurmi. Die Entfernung beträgt in Luftlinie nur noch 18 km; doch wir können nicht die gerade Linie wählen, denn zwischen uns und unserem Ziel liegt ein ausgedehnter Salzsumpf, der zu einem grossen Umweg nach N nötigt.
Die Autos haben schon längst ihre Lichter brennen, als wir etwas nach 7 Uhr bei völliger Dunkelheit vor dem Hotel zum Prinzen Fabouk6) eintreffen. Unser Quartier ist das Werk von Kapitän Hillier. Ursprünglich war es ein ganz kleines Unterkunftshaus, das der Regierung gehörte. Es wurde Ende 1924 von Hillier übernommen und in den Jahren 1925 und 1926 erheblich vergrössert. Es ist kein moderner Hotelkasten, sondern ein bescheidenes Gasthaus nach Art einheimischer Bauten, im besten Sinn des Wortes ein Stück Heimatschutz in der Libyschen Wüste.

III. Die Oase.
Siwa gilt mit Recht als die Königin der afrikanischen Oasen. Wer eine Oase gesehen hat, der hat alle gesehen, so sehr gleicht eine der andern. Siwa macht jedoch eine Ausnahme.
Wenn man vom Burghügel aus die Oasenlandschaft überschaut, so erhält man einen vorzüglichen Einblick in deren ganz eigenartige Lage; findet sie sich doch in einer langgestreckten Depression, die von den vier Haupttypen der Wüste begrenzt wird. Im Norden erhebt sich die Libysche Wüsten-platte, die wir soeben durchquert haben. Sie zeigt uns die Wüste hauptsächlich in zwei verschiedenen Ausbildungen, die als Hammada und Serir bezeichnet werden; die deutschen Ausdrücke dafür sind Fels- und Kieswüste. Unmittelbar im Süden der Oase und in sie in mannigfacher Weise hineinflutend, beginnen die Schrecken der Sandwüste (Arêg). Und um die tiefsten Punkte der Depression erscheint die Wüste in einer kaum weniger abschreckenden Form, als Salzwüste (Mahåssas), mit in der Regel sandig-lehmigem Boden, entweder wie ein erstarrtes Meer in Schollen aufgebrochenen (Cortis) oder als zeitweise ausgetrocknete Salzseen, mit einer weissen Kruste aus kristallisiertem Kochsalz (Sebcha oder Sabachen). Schon diese Vielgestaltigkeit der Wüstenlandschaft gibt der Umgebung von Siwa ein ganz besonderes Gepräge.
6) Name des ägyptischen Kronprinzen.

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Dazu kommt nun, dass die Oase selbst vom gewöhnlichen Oasencharakter nicht unerheblich abweicht. Sie ist nicht kreisrund und von ziemlich beschränkter Ausdehnung. Nicht scharf, wie mit dem Lineal gezogen, scheidet sich Palmenwald und Wüste. Die eigentliche Oasenlandschaft erstreckt sich bei einer Breite von 4- 6 km über eine Ausdehnung von etwa 50 km. In der Mitte liegt Siwa selbst. Das wertvollste Kulturland umfasst das Gebiet zwischen Siwa und Aghurmi, das von einem üppigen Dattelpalmenwald eingenommen wird. In seinen vielfachen Aus- und Einbuchtungen ist er der lebensvolle Ausdruck eines hin- und herwogenden Kampfes. Dem Hauptbestand sind grössere und kleinere Palmengruppen inselartig vorgelagert. Einzelständer, wie Vorposten gelegentlich weit vorgeschoben, sind von allen Seiten von todbringendem Sande bedrängt, und werden schliesslich lebendig begraben.
Im Palmenwald mehr oder weniger versteckt, gewöhnlich an den Rest eines Zeugenberges angelehnt, finden sich die wenigen Niederlassungen der Siwi. Neben Siwa kommt nur noch Aghurmi mit den spärlichen Resten des Orakeltempels des Jupiters Amon in Betracht; unbedeutend sind im SE Zeitun und im NW Kasr-Rumi.
Der Reichtum der Oasen ist in erster Linie der grossen Zahl von Süsswasserquellen zu verdanken, deren es gegen 200 gibt. Das klare Wasser ist reich an Kohlensäure, die in grossen, aufperlenden Blasen der Tiefe entweicht. Je nach den Quellen schwankt die Temperatur zwischen 20 und 30° C. Einige derselben, wie z.B. die lauwarme Moses-7) und die Sonnenquelle sind so stark, dass sie kleinere, tieftrichterförmige, z.T. von antiken Quadern eingefasste Quellseen speisen, die durch ihren hohen Gehalt an Kohlensäure zum erfrischenden Bade einladen. Von ihnen aus wird das Kulturland mit einem reich verzweigten, dichten Netz von Bewässerungskanälen durchzogen. Daneben werden jedoch auch noch Grundwasserströme verwertet.
Hauptkulturpflanze ist die Dattelpalme. Sie bildet weitaus die wichtigste Erwerbsquelle der Bevölkerung. Von den etwa 200,000 Palmen sind ca. 80 0/o fruchttragend. Man rechnet, dass je nach der Ernte ein Baum 1-3 Zentner Datteln liefert. Dattel, Olive und Korn bilden auch die Grundlage der Besteuerung; der Steuerertrag ergibt im Mittel die Summe von Fr. 300,000. Die ägyptische Regierung besitzt in Siwa kein Steueramt; die Steuer wird durch die Scheichs eingezogen und der Regierung übermittelt. Wie es zahlreiche Apfel- und Birnensorten gibt, so unterscheidet man auch Datteln verschiedener Güte. Im höchsten Ansehen stehen die Saidi - Datteln mit bis fingerlangen Früchten von feinstem Geschmack, die geringste Sorte "Wirri" wird hauptsächlich zur Verfütterung an Kamele, Pferde und Esel verwendet. Alexandrien ist Stapelplatz für Siwadatteln. Auch nach Kairo werden durchschnittlich 10,000 Kamellasten abtransportiert. Der Handel wird fast ausschliesslich durch Auladalibeduinen vermittelt. Unter den Palmen werden als Unterholz der Granatapfelbaum, Johannisbrotbaum (Ceratonia siliqua), Feige, Aprikose, Pflaume und selbst der Apfelbaum gehalten. Auch sieht man Gärten mit Orangen und Zitronen. Die Weinrebe wird bald in Lauben gezogen, oder man lässt sie als Liane in die Bäume emporklettern. Als Gemüsepflanzen sieht man Lauch, Rettich, Tomate, Saubohnen, Kichern, Batate und die Eierpflanze (Solanum melongena L.). Münze und spanischer Pfeffer dienen als Gewürz; Baumwolle als Gespinstpflanze. Von Futterkräutern sahen wir Luzerne. Als Getreide wird vorwiegend Gerste angepflanzt, doch sieht man auch Hartweizen und Triticum turgidum L. Wichtig ist endlich auch der Ölbaum, der besonders in den westlichen Teilen der Oase gehalten wird. In sehr primitiven Ölpressen wird in Siwa, Zeitun und Ghirbe Olivenöl gewonnen.
Schon in unsern Jugendjahren hat der Alexanderzug nach der Amonsoase in uns allen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Nachdem wir aber selbst die Libysche Wüstenplatte durchquert und all die Gefahren und Schwierigkeiten, die hier den Menschen drohen, aus eigener Anschauung kennen gelernt hatten, da wuchs unsere Bewunderung und Hochachtung vor dieser genialen Leistung des erst 24jährigen Alexander geradezu ins Ungemessene - denn das geschah
7) Mosesquelle = Ain-Müsa oder in der Siwe-Sprache Tamusije. Sonnenquelle = Am-el-Hammain bei Aghurmi. Hammâin heisst Bad, somit ist der arabische Name zu übersetzen mit Badequelle, die Ptolemäer nannten sie: Ain-Helios.

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grosse Statur und helle Körperfarbe ausgezeichnet. Neben dem Wüstenvolk der Tuaregs sind die Kabylen Algeriens und die Bergberber Marokkos mit den Siwi am nächsten verwandt.
Die Zahl der Bewohner der Amonsoase wird auf rund 5200 angegeben. Die Männer sind in der Regel kräftige, hochgewachsene Gestalten mit lebhaft dunklen Augen und markantem Gesichtsausdruck. Frauen bekamen wir kaum zu sehen. Sie sollen meistens kleiner und von mehr negroidem Typus sein. Bis vor wenigen Jahren war die Oase in den Sommer- und Herbstmonaten als stark malariaverseucht berüchtigt. Auch die einheimische Bevölkerung litt sehr darunter. Das ist nun wesentlich besser geworden. Um die Siedelungen sieht man jetzt vielfach durch das Sumpfland gezogene Entwässerungskanäle, in denen von DR. THOMPSON, Conseil quarantenaire et maritime de l'Egypte, z. Z. Generaldirektor der ägyptischen Quarantäne, vor 15 Jahren ein kleines, im Brackwasser lebendes Fischchen aus der tropischen Gruppe der Zahnkarpfen (Cyprinodon dispar Rüpp.) massenhaft ausgesetzt worden ist. Dessen Hauptnahrung sind Anopheles-Larven, deren Imago die berüchtigten Überträger der Malariaerreger sind. Wir selbst haben diese Fischchen zu Hunderten in den Gräben gesehen und einige gefangen. Ein Versuch, lebende Exemplare nach Zürich zu bringen, ist leider gescheitert, indem das mitgeführte Material teils auf der Reise, teils kurz nach der Rückkehr einging.
Die Oasenbewohner haben auch ihre eigene Sprache. Wie beim Kabylischen und bei den Sprachen der übrigen libyschen Völker Nordafrikas handelt es sich um einen Dialekt der Berbersprachen. Auch die ausgestorbene Sprache der alten Ägypter und diejenige der jetzigen Galla- und Somalivölker Ostafrikas lässt nahe Beziehungen erkennen. G. Steindorff vertritt die Ansicht, dass in den Urzeiten alle diese sprachlich verwandten Völker eine gemeinsame Heimat gehabt haben, von der sie, ähnlich wie die Araber im Mittelalter, ausgewandert und in ihre jetzigen, räumlich so verschiedenen Gebiete eingedrungen sind. Noch vor kaum hundert Jahren sprach die ganze Bevölkerung nur ihre libysche Muttersprache. Da der Handel fast ausschliesslich durch die arabisch sprechenden Beduinen vermittelt wird, kommt es, dass heute die Männer fast alle auch arabisch verstehen und vielfach sogar selbst sehr verdorben arabisch sprechen. Die Frauen dagegen, die mit der Aussenwelt kaum in Berührung kommen, kennen nur den einheimischen Dialekt
Alle Oasenbewohner sind überzeugte Mohammedaner strengster Observanz. Es sind Anhänger des religiös-politischen Ordens der Senussi, der in ganz Nordafrika eine grosse Propagandatätigkeit entfaltet und überall seine ihm bis in den Tod ergebenen Sendlinge hat. Der Orden vertritt den Mohammedanismus in seiner ursprünglichen Reinheit und Wahrheit, entkleidet aller theologischen Zutaten und Spitzfindigkeiten. Damit stellt er sich aber auch in scharfen Gegensatz zu allen Einflüssen der europäischen Kultur, die in die mohammedanischen Länder eingedrungen sind und deren Sittenreinheit gefährden. Jeder Luxus in Kleidung und Nahrung ist verpönt. Der Senussi ist sehr unduldsam, fanatisch und damit Propagandist des Fremdenhasses. Schon einmal, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ist ihm ein Mahdi, d.h. der von Gott Gesandte, der vor dem Weltende noch einmal die Menschheit unter dem Gesetz des Propheten vereinigen sollte, erstanden, und hat mit Feuer und Schwert den Sudan erobert. Nur unter grossen Opfern gelang es damals, des Aufstandes Herr zu werden. Siwa war zeitweise Sitz des Ordensmeisters. Später, als man sich der Zivilisation zu nahe fühlte, verlegte man denselben nach der Oase Dscharabub. Und als diese vor wenigen Jahren unter italienische Oberhoheit kam, zog man sich nach Kufra und zuletzt sogar nach Karu zurück.
Über die Einwohnerschaft von Siwa haben wir uns übrigens in keiner Weise zu beklagen gehabt; sie ist noch unverdorben. Wo wir mit ihr in Beziehung traten, entwickelte sich ein freundliches, aber doch eher etwas zurückhaltendes Verhältnis. Von Zudringlichkeit keine Spur, eher konnten wir eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Fremden feststellen. Nach den ständigen Belästigungen in Ägypten durch Bettler, Führer, Dolmetscher und Verkäufer aller Art, Belästigungen, durch die der Genuss der Reise entschieden beeinträchtigt wurde, sind daher die Tage von Siwa von uns doppelt angenehm empfunden worden. Nur einmal wurden wir von einem Kinde um ein Bakschisch angegangen. Der Junge wurde aber von der Bevölkerung sogleich gehörig zurechtgewiesen. Immerhin konnten wir uns des Eindruckes nicht erwehren, dass trotz des äusseren

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Friedens der innere Widerwille gegen die Fremden gross ist, dass es mehr ein Zurückweichen vor den Machtmitteln der überlegenen Kultur, als ein tatsächliches Abfinden \und ein Aussöhnen mit den neuen Verhältnissen ist, welches das Verhältnis der Siwi zu den fremden Besuchern bestimmt. Sollte einst wiederum ein Mahdi erstehen und die Regierung in Kairo oder England in schwieriger Lage sich befinden, so braucht es nur eines Zufalls, um neuerdings eine mächtige, fremdenfeindliche Bewegung auszulösen.
Was uns besonders angenehm aufgefallen ist, das ist die grosse Reinlichkeit der Ortschaften und der Bevölkerung. Prächtig nehmen sich die im Wind flatternden weissen Gewänder der Männer aus, unter denen von den Reichen oft farbige Gewänder (Ethmans) aus Seide und Samt getragen werden. Um den Kopf wird häufig ein weisses Tuch so geschlungen, dass nur die Mitte des Gesichts frei bleibt, oder man trägt den Turban. Bei festlichen Gelegenheiten sieht man auch als Kopfbedeckung den roten Tarbusch, den wir fälschlicherweise gewöhnlich als Fez bezeichnen. Die Männer gehen meistens barfuss, sie lassen alsdann auch noch einen Teil der sehnigen Beine frei. Selten sieht man als Fussbekleidung eine Art Sandalen aus gelbem Maroquin. Als Arbeitstier wird fast nur der Esel verwendet; das Kamel soll in der Oase nicht gut gedeihen.
Die weibliche Jugend ist über und über mit Schmuck beladen. Da sieht man schwere silberne Arm- und Beinspangen. Als Zeichen der Keuschheit werden von den jungen, noch unberührten Mädchen um den Hals grosse silberne Spangen mit Anhängseln, die allerlei eingravierte Ornamente zeigen, getragen. Nach der oft schon im Kindesalter erfolgten Hochzeit müssen sie diesen Schmuck ablegen. Ferner sieht man Ohren- und Nasengehänge, grosse Fingerringe und öfters mehrere Halsketten aus Silberkugeln, roten Korallenstucken und gelber Ambra. Eine vornehme Siwanerin kann, wenn man die bescheidenen sonstigen Lebensverhältnisse in Berücksichtigung zieht, einen grossen Teil ihres Vermögens auf sich tragen.
Eine wahre Augenweide gewähren diese farbenprächtigen Bilder aber besonders an hohen Festtagen, so auch am Vortage unserer Abreise, am Beiramfest. Da ruhte alle Arbeit. Die Scheichs in ihren besten Kleidern trugen z. T. als Zeichen ihrer Würde krumme, reich verzierte Säbel, machten sich gegenseitig Besuche und begaben sich, wie bei uns die Diplomaten am Neujahrstage, mit grosser Feierlichkeit ins Regierungsgebäude, um dem Mamur ihre Aufwartung zu machen. Am Abend sammelte sich das Volk vor unserem Rasthaus und bei einer wilden, betäubenden Musik mit Handtrommeln wurde bis spät getanzt, und zwar nur von jungen Burschen und Männern. Immer rascher und wilder drehten sich die Paare, immer wieder kehrten dieselben Bewegungen und Gesten wieder, verstärkt durch Händeklatschen, Stampfen mit den Beinen auf den Boden oder durch rhythmisches Ausstossen unartikulierter, fremdartiger Laute.
Das war der Abschied von Siwa, verklärt durch den herrlichsten Sonnenuntergang, den wir in der Wüste zu sehen bekamen. Noch vor einer halben Stunde durchzogen weisse Wolkenbänke das dunkelblaue Himmelsgewölbe. Jetzt steht die Sonne tief am westlichen Horizont und übergiesst die ganze Landschaft mit einer geheimnisvollen, zauberhaften, intensiv rotvioletten Glut, die ihren fast überirdischen Abglanz auch über die stillen Salzseen ausbreitet. Die Wüstenberge erscheinen wie in Gold gebadet. Und nun setzt das wechselvolle, ich möchte fast sagen himmlische Farbenspiel ein, wo gelbe, grüne, rote, violette Tönungen ineinanderfliessen, sodass für Augenblicke ein Stück Paradies die Erde zu verklären scheint. In solchen gewaltigen, Auge und Herz in gleicher Weise packenden Akkorden klingt der Tag aus. Doch, wie ärmlich sind Worte angesichts dieses einzigartigen Naturphänomens!
Das sind Momente, die Stimmungen auslösen, die man nicht so rasch vergessen wird. Selbst dem aufgeklärten Kulturmenschen wird in dieser Umgebung der Fatalismus des Wüstenbewohners nicht mehr nur ein Buch mit sieben Siegeln sein, er hat gewissermassen einen Blick in dessen Seele geworfen und ihn so etwas besser verstehen gelernt. Beherrscht doch dessen Leben der Gedanke. an die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Schrecken der Wüste, an seine Nichtigkeit gegenüber den Herrlichkeiten des Jenseits, von denen dieses herrliche Schauspiel doch nur einen schwachen Begriff zu geben vermag.
 
 

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