Neujahrsblatt der NGZH  Nr. 148 auf das Jahr 1946, 87S. mit 32 Abb., 2 Karten
Das Schweizerische Anbauwerk 1940-1945
von Friedrich Traugott Wahlen

 

DAS
SCHWEIZERISCHE
ANBAUWERK
1940 - 1945
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

von
F.T.WAHLEN

Druck Gebr. Fretz AG. Zürich

 
German only
Inhalt:
Vorwort  
5
I. Der Einfluss des Staates auf die landwirtschaftliche Produktion
7
 
1
Die Periode bis zum Abschluss des ersten Weltkrieges
7
 
2
Die Periode 1919 bis 1939
10
 
3
Der landwirtschaftliche Produktionskataster
13
II. Der Anbauplan
31
 
1
Der Mehranbau im ersten Kriegsjahr 
31
 
2
Die leistungsökonomischen Grundlagen des Anbauplanes .
34
 
3
Die ernährungsphysiologischen Grundlagen des Anbauplanes
38
III. Die Ausführung des Anbauplanes
41
 
1
Allgemeines
41
 
2
Die Arbeits- und Zugkräfte
44
 
3
Die Hilfsstoffversorgung
47
 
4
Die Mehranbau-Etappen 1939/40 bis 1944/45 und ihre Ausführung
54
 
5
Das Industriepflanzwerk und die Kleinpflanzer 
68
IV. Das ausserordentliche Meloriationsprogramm
73
V. Die Ergebnisse des Anbauwerkes
78
Ausblick
85

2. Die Periode 1919 bis 1939
Die Lehren des ersten Weltkrieges sollten nicht vergessen bleiben. Zwar hatte die Landwirtschaft nach Ueberwindung der Ernährungssorgen in der unmittelbaren Nachkriegszeit Jahre schwerster Absatzkrisen, und es schien, dass ihre Leistungen während der Zeit der drohenden Hungersgefahr wiederum vergessen wurden. Aber in die Zwischenkriegszeit fallen doch zwei ausserordentlich bedeutungsvolle ,Verfassungsrevisionen, bei deren Annahme nach harten Kämpfen die Kriegserfahrungen wesentlich mitbestimmend waren und die in der Folge für unsere wirtschaftliche Landesverteidigung sehr wichtig werden sollten: nämlich die Art. 23 bis und 32 bis der Bundesverfassung, auf denen das Getreidegesetz vom 7. Juli 1932 und das Alkoholgesetz vom 21. Juni 1932 fussen. Ohne sie hätten sich der Getreidebau und der Kartoffelbau flächenmässig und nach ihrem technischen Stand nicht in jener Bereitschaftsstellung befunden, von der aus eine rasche Ausdehnung im Notfall sofort erfolgen konnte.
Die Absatzkrisen der Zwanziger- und Dreissigerjahre wirkten andererseits sehr ungünstig auf die landwirtschaftliche Produktionskapazität ein. Es ergab sich der für den Landwirt widersinnige Zustand, dass ihm durch die Versuchs- und Bildungsanstalten immer neue Mittel in die Hände gegeben wurden, die Erzeugung mengenmässig und qualitativ zu heben, während auf der andern Seite ein immer grösserer Teil der Produktion unverkäuflich blieb oder nur mit Verlusten abgesetzt werden konnte. Als Ausweg aus dieser Situation wurde ihm zur Umstellung der Produktionsrichtung im Sinne einer Vermehrung des Ackerbaues auf Kosten der Viehwirtschaft geraten, und eine Reihe behördlicher Massnahmen sollte diese Tendenz unterstützen. Alle diese Bestrebungen hatten jedoch einen geringen Erfolg, weil der Landwirtschaft nach den vielen schlechten Erfahrungen der Glaube fehlte, auf diesem Wege zum Ziel zu kommen und weil damit auch der Elan zu einer für viele Gegenden ausserordentlich einschneidenden Aenderung der Betriebsweise nicht geschaffen werden konnte.
Inzwischen begannen sich am politischen Horizont die Wolken zu ballen, die früher oder später zur Entladung kommen mussten. Zu der Notwendigkeit, die Absatzverhältnisse zu sanieren, gesellten sich kriegsvorsorgliche Ueberlegungen, die den gleichen Weg wiesen. Es ist klar, dass eine möglichst vielseitig orientierte Erzeugung für die Landesversorgung viel grössere Sicherheiten bietet als eine einseitige Produktionsrichtung. Die beiden Notwendigkeiten fanden im Postulat Abt ihren Niederschlag, das dann zum bedeutungsvollen Bundesbeschluss vom 6. April 1939 führte. Dieser bezweckte in erster Linie, den unter dem Regime des Getreidegesetzes verkümmerten Futtergetreidebau zu neuem Leben zu erwecken, um damit die in ungesunde Proportionen gesteigerte Futtermitteleinfuhr einzudämmen. Dieser Bundesbeschluss kam gerade zeitig genug, um den Frühjahrsanbau 1939 noch zu beeinflussen, was für die Saatgutversorgung mit Hafer und Gerste im ersten Kriegsjahr von grosser Wichtigkeit war. Er führte auch zur Schaffung der kantonalen und Gemeindeackerbaustellen, die sich in der Folge zu einem wichtigen Instrument der Kriegswirtschaft entwickelten.
Die Botschaft des Bundesrates vom 12. Dezember 1938, die zum genannten Bundesbeschluss führte, ist heute noch ein lesenswertes Dokument. Der Bundesrat sah darin eine allmähliche Erweiterung des Ackerbaues auf 300000 ha vor. Dr. KÄPPELI, der Urheber dieser Zielsetzung, hatte von ihr schon an der Agrarkonferenz vom 24. und 25. Juni 1938 in Bern gesprochen und sie begründet. Sie bleibt das Ziel für die friedenszeitliche Orientierung unserer Produktionspolitik. Wir wissen allerdings heute, dass eine Ackerbaufläche von 300000 ha ohne den kategorischen Imperativ der Kriegsjahre nie erreicht worden wäre. Trotzdem hatte Dr. KÄPPELI die Notwendigkeiten richtig erkannt, und es bleibt sein Verdienst, konsequent für ihre Verwirklichung eingetreten zu sein.  ...

Ausschnitt aus dem Kapitel: Der Mehranbau im ersten Kriegsjahr
Als im Sommer 1940 die Zuteilung der Mehranbaukontingente pro 1941/42 an die Kantone vorgenommen werden musste, war die Zeit für die Veröffentlichung und die Anhandnahme des Anbauplanes noch nicht reif. Es mag dies im Lichte der Resultate der Anbaustatistik 1940, die nicht nur die volle Verwirklichung, sondern sogar ein Ueberschreiten der Zielsetzung der ersten Mehranbau-Etappe brachte, nicht ohne weiteres verständlich sein. Man war aber allgemein noch zu stark in Vorkriegsvorstellungen und -maßstäben befangen. Zu lebhaft waren die grossen Schwierigkeiten, denen die Verwirklichung des vorkriegszeitlichen Umstellungsprogramms begegnete, noch in Erinnerung. So hatte ein grosszügiger Versuch der landwirtschaftlichen Organisationen, unter Führung des Schweizerischen Bauernverbandes in den Jahren 1929-31 die Fläche des offenen Ackerlandes um 10000 ha zu erweitern, kein greifbares Resultat erbracht. Die Anbaustatistik 1934 zeigte, dass die Aktion gerade ausreichte, um einen weiteren Rückgang des Ackerbaues zu verhindern.
Es muss in diesem Zusammenhang aber auch auf die grosse Leistungsanspannung hingewiesen werden, die unser Volk im ersten Kriegsjahre für die Erhöhung unserer militärischen Schlagkraft auf sich nehmen musste. Angesichts der guten Zufuhren im Winter 1939/40 war man zu stark geneigt, die wirtschaftlichen Gefahren gegenüber den militärischen zurücktreten zu sehen.

Ausblick
Die schweizerische Landwirtschaft hat in den Jahren 1940 bis 1945 eine Strukturwandlung durchgemacht, deren Folgen für die Zukunft noch nicht in vollem Umfange absehbar sind. Sie hat den Weg zurückgefunden zu einer Bodenständigkeit, die im Laufe eines sich über ein ganzes Jahrhundert erstreckenden Zerbröckelungsprozesses schrittweise verloren gegangen war. Neue Erkenntnisse der Wissenschaft und Technik, die vordem nur in wenigen fortschrittlich geleiteten Betrieben zur Anwendung kamen sind sozusagen mit einem Schlage zum Allgemeingut der Landwirtschaft geworden. Nicht nur die Umstellung der Produktionsrichtung, durch die ein Vorkriegspostulat in kürzester Frist verwirklicht wurde, sondern diese Tatsache im besondern wird eine dauernd erhöhte Produktionskapazität unserer Landwirtschaft mit sich bringen.
Das Anbauwerk war für den Bauer aber auch ein geistiges Erlebnis. Es bedeutete für ihn eine Genugtuung schönster Art, wieder im vollen Sinne des Wortes ein unentbehrliches Glied des Nährstandes seines Volkes zu sein, nachdem er sich jahrelang als volkswirtschaftlich unerwünschter Ueberschussproduzent fühlen musste. So sind die Bande, die ihn mit seiner Scholle und mit seiner Heimat verknüpfen, stärker geworden.
Stärker geworden sind aber auch die Fäden zwischen Stadt und Land. Der Landdienst schuf eine breite Berührungsfläche zwischen zwei Ständen, die sich immer mehr auseinander gelebt hatten. Für viele Jugendliche ist er zu einem köstlichen, unverlierbaren Erlebnis geworden, und die Bauern und Bäuerinnen haben Einblicke in die Lebenshaltung und die Auffassungen der städtischen Jugend bekommen, die ihnen vordem verwehrt waren. Auch das Industriepflanzwerk und das Familiengartenwesen haben in dieser Richtung eine sehr segensreiche Wirkung ausgeübt. Durch sie hat das Verständnis für rurales Leben und Denken in einem Masse gewonnen, das einem Industriestaat nur förderlich sein kann.
Die nächsten Jahre werden darüber entscheiden, ob und in welchem Masse diese Wandlungen als dauernder Gewinn gebucht werden können. Das Anbauwerk hat sein unmittelbares Ziel, die Ermöglichung des Durchhaltens in schwerer Zeit, erreicht. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass das Schweizervolk dauernd seines geistigen Gewinnes teilhaftig bleibe.

Dieses Neujahrsblatt ist als Zeuge seiner Zeit zu werten. Ich beschränkte mich bei der Wahl der Texte auf Stücke, welche möglichst gut den Zeit-Geist zeigen.
Gewisse Aussagen können heute anders gesehen werden: Als gut bewertet wird die Drainage von grossen Sumpfflächen, welche neu unter den Pflug kamen (und heute der Natur fehlen). Dasselbe gilt für Absenkungen von Seen, denen bis heute die lebenswichtige Litoralzone fehlt. Als die rationelle Bewirtschaftung störend figurieren Streuobstwiesen mit Hochstammobst (das wurde schon 100 Jahre früher in Frage gestellt.). Als sehr gut bewertet werden Torf-"böden", Bonitierungsstufe 1.  Wie wahr ist doch die Bemerkung: "deren Folgen für die Zukunft noch nicht in vollem Masse absehbar sind". – Nach dieser “Schlacht” hätte ein geordneter Rückbau folgen sollen. —
Der Grad der Selbstversorgung ist inzwischen gesunken und die Schweiz beansprucht wieder die Ernte einer grossen Fläche im Ausland.

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