NGZ-Neujahrsblatt 1955,  66 Seiten, 6 Flugphotos (senkrecht), Nr. 157
Amerikanische Landschaft
Hans Boesch
Penn Dutch Country, W6747, N40
Umschlag: Dieser Ausschnitt aus dem «Pennsylvania Dutch Country» im York County, Pennsylvania, an der Grenze zwischen dem Great Valley und dem Piedmont gelegen, zeigt auf der einen Seite das typische, ungeregelte Landnutzungsmuster der alten Kolonialgebiete, im britischen Bereich, während in den faszinierenden Streifenmustern das moderne contour farming landschaftlichen Ausdruck findet. (Weizen - Kunstfutter) Oberer Bildrand ist Norden. ca, W76°45',N40°00'
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Allgemeiner Teil
   a) Die Landschaft
   b) Die landschaftsgeschichtliche Entwicklung 
   c) Region und Landschaft
   d) Landschaftskundliche Arbeitsmethoden
II.   Spezieller Teil
   a) Die landschaftsgeschichtliche Untersuchung 
   b) Die Untersuchung der formalen Struktur 
   Alfa) Beispiele von verschiedenen land-use-pattern
      1.   Koloniale Struktur in New England
      2.   Koloniale Struktur im französischen Kolonisationsgebiet  
      3.   Koloniale Struktur im Alten Süden
      4.   Koloniale Struktur im spanischen Kolonisationsgebiet
      5.   Die charakteristische Schachbrettstruktur der modernen amerikanischen Kulturlandschaft
      6.   Die besonderen Verhältnisse im Westen
      7.   Die moderne Umgestaltung der Kulturlandschaft  
   Beta)   Beispiele von Siedlungsstrukturen
      1.   Die nichtstädtischen Siedlungen   
      2.   Die städtischen Siedlungen      
      3.   Die Einzelelemente der Siedlung
c)   Die Untersuchung der funktionalen Struktur
      1.   Die politischen und administrativen Funktionen 
      2.   Die zentralen Funktionen der Siedlungen
      3.   Die Organisation des Wirtschaftsraumes 
 
 

Einleitung
Diese kurz gefasste Zusammenstellung über die amerikanische Landschaft und ihre Untersuchung ist aus einer langjährigen Beschäftigung mit dem Objekt und einer noch in vollem Gange befindlichen Auseinandersetzung mit der Methode geographischen Arbeitens herausgewachsen. Sie stellt weder in der einen noch in der andern Richtung eine irgendwie abschliessende Arbeit dar. Eine umfassende Darstellung der amerikanischen Landschaft würde den Rahmen eines Neujahrsblattes sprengen; ausserdem sind viele Fragen noch kaum untersucht worden. Trotzdem schien es verlockend, in diesem Zwischenstadium der Untersuchung einige Resultate einmal zusammenzufassen und zu zeigen, wie die wissenschaftliche Geographie an die Lösung ihrer Probleme herantritt. Wenn diese Arbeit dem Nichtgeographen die amerikanische Landschaft in gewisser Beziehung näherbringt und beim Geographen der Kritik an den entwickelten methodischen Gedanken ruft, hat sie nach der Ansicht des Autors ihren Zweck erfüllt und die aufgewendete Arbeit gerechtfertigt. Ranalt (Stubai), im August 1954.  Hans Boesch

1. Allgemeiner Teil
a) Die Landschaft
Die Landschaft ist der Gegenstand geographischer Forschung. Darüber besteht, wie ein Überblick über die neuere methodologische, geographische Literatur zeigt, kaum eine Verschiedenheit der Auffassungen. Diese tritt erst in Erscheinung, wenn das Objekt geographischer Untersuchung näher definiert (geographischer Landschaftsbegriff) und eine wissenschaftliche Terminologie aufgestellt werden soll. Dass dabei anscheinende oder wirkliche, tiefgreifende Unterschiede zwischen den einzelnen Bearbeitern auftreten, ist keineswegs erstaunlich.
Einmal befindet sich die Geographie als charakteristische Realwissenschaft in einer durchaus andern Situation als beispielsweise die Mathematik, welche die Objekte ihrer Forschung von allem Anfang an eindeutig definieren kann.

5. Die charakteristische Schachbrettstruktur der modernen amerikanischen Kulturlandschaft
Im Gegensatz zu den vielfältigen Strukturtypen, welche wir in den verschiedenen Kolonisationsräumen fanden, weisen die seit 1785 durch die Freigabe von public lands neu erschlossenen Gebiete einen im wesentlichen einheitlichen Strukturtyp von charakteristischem Schachbrettmuster auf.
In einem in Harpers Magazine 1950 erschienenen populären Artikel «The U.S.A. from the Air» beschreibt W. Langewiesche diese Landschaft wie folgt: «Ich freue mich immer, wenn ich sehe, wie der Osten in den Westen übergeht. Ich freue mich auf jenen Moment auf der New York-Pittsburgh St. Louis-Route, wenn man die letzten Ketten der Alleghenies hinter sich lässt... Gleich wird man nun in der Tiefe die ,section lines erblicken. Das ist nun wirklich eine der merkwürdigsten Erscheinungen auf der Erde, und man kann sie nur aus der Luft richtig erfassen: Ein ganzes Land als mathematisches Koordinatennetz ausgelegt; exakt, geradlinig begrenzt, längs langen Linien ausgerichtet, welche genau - und ich meine wirklich genau - Nord-Süd oder Ost-West verlaufen. Alle Strassen mit Ausnahme der grossen Überlandstrassen verlaufen längs diesen Koordinaten. Das ganze Land sieht aus wie ein riesiges Siedlungsunternehmen, was es in Tat und Wahrheit auch ist... Zum Fliegen sind die section lines herrlich. Sie machen das Land wirklich so, wie sich ein Pilot ein Land wünscht: Koordinatenpapier! Man kann seinen Schatten mit der Stoppuhr von Linie zu Linie messen und die Geschwindigkeit berechnen. Wenn Du genau nach Westen fliegen willst, hast Du nichts anderes zu tun, als einen Zaun zu wählen und ihm entlang zu fliegen. Im nächsten Moment wird der Zaun durch eine Strasse abgelöst; bald zweigt diese ab, aber ihre Richtung wird sich in einem andern Zaun fortsetzen. Diesem folgt ein Flurweg, die Hauptstrasse eines Dorfes und wieder eine Überlandstrasse..
Eine Voraussetzung dieser so charakteristischen Landschaft, die bei uns oft als d i e typische amerikanische Landschaft bezeichnet wird, bildet die schon früher erwähnte Land Ordinance von 1785. Hauptziel dieser Land Ordinance, an deren Ausarbeitung Thomas Jefferson entscheidenden Anteil hatte, war, durch eine planmässige Landvermessung die notwendigen Voraussetzungen für eine geregelte Abgabe der neu erworbenen Ländereien zu schaffen. In diesem Gesetz vom 20. Mai 1785, welches stark von den Erfahrungen der Landverleihungen in New England beeinflusst war, wurde festgelegt, dass das Land in quadratische townships von je 36 Quadratmeilen, welche Nord-Süd und Ost-West orientiert sind, aufgeteilt werden solle. Das System der Landvermessung wurde in der Folge mehrfach verbessert, aber prinzipiell nicht mehr geändert. 1812 wurde das General Land Office geschaffen, dem bis heute die Aufgabe obliegt, nach den Anweisungen des Departementes des Innern die Vermessung und den Verkauf der public lands durchzuführen.
Die Landvermessung besteht in folgenden Aufgaben: Festlegung von Ausgangsmeridianen und Standard-Parallelkreisen, Einmessen von quadratischen townships von je 6 Meilen Seitenlänge (1 Meile ist 1,609 km), Einteilung der townships in quadratische sections von einer Meile Seitenlänge. Sections und townships sind nach einem bestimmten System numeriert, so dass ihre Lage sich eindeutig aus dieser Bezeichnung ergibt. Die vier Ecken jeder section werden im Gelände markiert. Die Originalgrundbuchpläne sind in Washington D.C. aufbewahrt und erstrecken sich heute fast auf das ganze Gebiet der public lands. Zusammen mit der kartographischen Darstellung erfolgte eine erste Landklassifikation, welche Topographie, Böden, Wald, Bodenschätze, Wasserverhältnisse, Siedlungen und Industrie berücksichtigt. Ausserdem ergibt sich aus diesen Akten, zu welchem Zeitpunkte und an wen der erste Besitztitel ausgehändigt wurde.
Blieben die seinerzeit festgelegten Grundsätze der Grundbuchvermessung bis heute praktisch unverändert, so ist dasselbe von den Normen, nach welchen die public lands verteilt wurden, nicht zu sagen. Im Gegenteil, die Richtlinien waren bis heute einem ständigen und für die Kulturlandschaftsentwicklung entscheidenden Wechsel unterworfen.
Während ursprünglich die Absicht bestand, die public lands zu einem möglichst günstigen Preise zu verkaufen, um damit die Schulden der Revolutionskriege zu bezahlen, änderten sich seit 1862 die Bedingungen grundlegend. In diesem Jahre nahm der Kongress die sogenannte Homestead Act an, welche jedem Siedler unter gewissen Voraussetzungen und Auflagen die kostenlose Landaufnahme im Umfange einer quarter-section von 160 acres (64,8 ha) ermöglichte.  ...
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Einen letzten, hier noch zu erwähnenden Typ mit in sich sehr vielfältig abgewandelter Struktur, lernen wir schliesslich noch in den ausgedehnten Bewässerungsgebieten des Westens kennen. Eine eingehende Besprechung würde hier zu weit führen. Auf einzelne Probleme, welche sich im Zusammenhange mit der Landvergebung ergaben, wurde schon weiter oben hingewiesen. Ein anderes Problem warfen die rechtlichen Fragen auf, indem sich die im feuchten Osten entwickelten und sich auf das ähnliche Verhältnisse aufweisende englische Mutterland stützenden Rechtsauffassungen des common-law im Westen nur schwer anwenden liessen. Die Prioritätsfrage bei der Wasserverwendung, die Anlass zu ungezählten Streitfällen bildete, war bis in die neueste Zeit im Westen der Vereinigten Staaten immer wieder umstritten. Dies sollte als Gegensatz zum spanischen Kolonisationsraum im Auge behalten werden; die Spanier waren mit semiariden Verhältnissen von Hause aus vertraut und vermochten auch in dieser Beziehung zweckmässigere Lösungen zu treffen.
Ein eingehender Überblick über die Kulturlandschaftsstruktur in Bewässerungsgebieten würde uns vor allem zeigen, wie die soziale Struktur und die sozialpolitischen Auffassungen im Vereine mit der Produktionsrichtung das Bild der Landschaft bestimmen, während die natürlichen Voraussetzungen die Abgrenzung der Bewässerungskulturen gegen das nichtbewässerte Land und damit die landschaftliche Großstruktur festlegen. Von den primitiven indianischen Bewässerungskulturen der Pueblos New Mexicos, die der Selbstversorgung dienen, über die mormonischen Gruppensiedlungen und Bewässerungsunternehmen im Grossen Becken ist es ein weiter Schritt bis zu den gewaltigen Staudämmen, Kanälen und Bewässerungsarealen des zwanzigsten Jahrhunderts, die im Südwesten, in Kalifornien und im Nordwesten die Zentren der Agrarwirtschaft des trockenen Westens bilden. Ob die grossflächig angelegte, durch einheitliche Kulturen gekennzeichnete, oder die in kleine Parzellen und die verschiedenartigsten Nutzungsflächen aufgegliederte Bewässerungslandschaft angetroffen wird, hängt weitgehend von der Art des Unternehmens (privat, staatlich) und bei den staatlichen Projekten von den verfolgten Siedlungsabsichten ab.
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Schlussbemerkung
Die wirtschaftliche Zuordnung des Westens war sowohl auf dem Sektor der landwirtschaftlichen wie der industriellen Produktion bis in die neueste Zeit dezidiert nach dem Osten gerichtet. Das zeigt das klassische Beispiel der kalifornischen Früchteproduktion, wo durch Trocknen, Konservieren, Tiefkühlen oder Umwandlung in Säfte die ursprünglichen Produkte erst transportfähig gemacht werden müssen. Grosse Produzentenorganisationen sorgen für eine Standardisierung der Erzeugnisse und für den Absatz. In der Montanindustrie herrschen ausgesprochene Sekundärmetalle wie Kupfer, Molybdän und andere vor, obwohl die rohstoffmässigen Voraussetzungen für Basisindustrien durchaus gegeben wären. Die zunehmende Verdichtung der Bevölkerung und vor allem die rapide Entwicklung der kalifornischen Städte schaffen aber auch hier immer rascher eine grundlegende Veränderung der bestehenden Situation, die durch die Existenz grosser und differenzierter lokaler Konsumzentren für agrarische und industrielle Produkte gekennzeichnet wird.
Wenn wir abschliessend nochmals die Vereinigten Staaten und Europa vergleichend betrachten, kommen wir mit Bezug auf die Organisation des Wirtschaftsraumes zu folgender, knapp gefasster Antithese: In Europa schritt im Laufe der Jahrhunderte die Entwicklung langsam aber kontinuierlich von kleinsten und kleinen zu immer grösseren Funktionalräumen; das Problem bestand immer in der Überwindung der kleinräumigen Bindungen und heute in erster Linie in der Erreichung einer durch die Zeit geforderten kontinentalen Arbeitsteilung. In den Vereinigten Staaten bestand dagegen praktisch vom Beginn der Unabhängigkeit an eine grosszügige kontinentale Aufgliederung in einzelne nach ihren Funktionen verschiedene Wirtschaftsräume, wobei erst die neuere Entwicklung als Folge zunehmender Bevölkerungsverdichtung und Entstehung neuer städtischer Zentren zu einer Aufgliederung führt. In gewissem Sinne verläuft damit die Entwicklung gerade in entgegengesetzter Richtung wie in Europa. Während sich jedoch bei uns die Schwierigkeit des Überganges zu einer Organisationsstufe höherer Ordnung aus der historisch bedingten Individualität der bestehenden Einzelräume ergibt, dürfte die schon bestehende Standardisierung im Falle der Vereinigten Staaten wohl bei der zunehmenden Bildung kleinerer Wirtschaftsräume beibehalten werden.

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